Inhaltsverzeichnis

1. Die Verflechtung zwischen Religion und Kultur
2. Wie steht der Islam zum Christentum?
3. Minimalismus: Quelle der Glückseligkeit?
4. Die heimtückische Verblendung
5. Das Geheimnis im Fasten
6. Der "wahre" Islam
7. Der Wal im Pool
8. Das Trugbild im Spiegel
9. Spicken – ein unterschätztes Übel
10. Romeo, Julia und der Wissenschaftlicher
11. Das kleine Mädchen und ihr Schloss
12. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

13. Geduld  – eine wertvolle Tugend
14. Der soziale Aspekt beim Fasten
15. Der Schöpfer und die Unendlichkeit
16. Und wenn es doch keinen Schöpfer gibt?

16. Und wenn es doch keinen Schöpfer gibt?

by Adam E. Yalçintaş

Auch bei einigen gläubigen Menschen können im Laufe des Lebens folgende Fragen aufkommen: Was ist, wenn es doch keinen Schöpfer gibt?  Was ist, wenn es nach dem Tod wirklich nichts gibt? Was ist, wenn die im irdischen Leben von der Religion aufgestellten Regeln, die zu befolgen sind, lediglich einen Selbstzweck haben und damit eine Verletzung derer keine Konsequenzen nach sich zieht?
 
Wir wollen uns nun diesem Phänomen von einer anderen Seite nähern und es gleichsam opportunistisch betrachten. Dafür ist es notwendig, eine Doppelhypothese als Ausgangspunkt zu wählen und von diesem Punkt aus voranzuschreiten.
 
Zunächst gehen wir von der Hypothese aus, dass es einen Schöpfer gibt. Da es nach dieser Betrachtungsweise einen Schöpfer gibt, müssen die damit verbundenen Konsequenzen als gegeben angenommen werden. Die Annahme, dass es einen Schöpfer gibt und dieser uns ohne vorgegebene Regeln auf dieser Erde walten lässt, wäre sinnentleert. Denn die Sinnlosigkeit dieses Lebens würde auf die Sinnlosigkeit des Handelns des Schöpfers und damit auf den Schöpfer schlechthin führen. Davon ist der Schöpfer jedoch in jeder Hinsicht ausgenommen. Dies zeigt auch, weshalb die Grundregeln der drei Weltreligionen prinzipiell identisch sind. Es soll kein Alkohol getrunken werden, kein unschuldiger Mensch verletzt werden, nicht gelogen werden etc. Umgekehrt soll man aufrichtig sein, seinem Nächsten und insgesamt allen Lebewesen helfen sowie sie schützen, seiner Verantwortung gegenüber seinem Staat sowie Vaterland, seiner Familie, seinem Arbeitgeber, seinen Freunden sowie Bekannten gerecht werden, Almosen geben, fasten, beten etc. 
Wenn man jetzt unter Annahme dieser Prämisse (Es gibt einen Schöpfer und seine Regeln sind zu befolgen) den Schöpfer und seine Regeln ablehnt sowie gegen diese verstößt, begeht man den schwerwiegendsten Fehler, der überhaupt begangen werden kann. Zum besseren Verständnis kann in diesem Zusammenhang das deutsche Strafrecht herangezogen werden. Der Mord ist die Straftat, für die man am härtesten bestraft wird. Der Grund ist, dass ein Menschenleben vernichtet wird und die Tat eine besondere Verwerflichkeit aufweist. In den irdischen Augen gibt es nichts Wertvolleres als das menschliche Leben. In religiöser Hinsicht bedeutet die Ablehnung des Schöpfers, dass alles abgelehnt (insbesondere auch der Schutz des menschlichen Lebens) wird. Denn alles, was existiert, ist ihm geschuldet. Dazu gehört vor allem auch die eigene Existenz und der Grund dafür. Nach dem Koran (51:56) liegt der Grund für die Existenz der Menschen darin, dass diese den Schöpfer kennen und ihm dienen sollen. In Anbetracht dessen verliert der Mensch, der in diesem Leben den Schöpfer ablehnt und stirbt, im Jenseits alles. Er wird für die Ewigkeit mit den erdenklich schlimmsten Qualen bestraft werden. Das ist sehr abstrakt, sodass viele die Bedeutung dieser Aussage nicht richtig realisieren können. Der Schmerz, den der Mensch in diesem Leben erleiden kann, ist begrenzt. Der Körper kann nur zu einem bestimmten Grad Schmerzen ertragen. Wenn die Schwelle überschritten wird, schaltet er einfach ab. Ferner sind auch die Möglichkeiten der Schmerzzufügung begrenzt. Diese Einschränkungen gelten aber nicht für das Jenseits. Dort gibt es in keinerlei Hinsicht Grenzen. 
Aus der ersten Hypothese ergeben sich somit folgende Möglichkeiten:
1) Man wendet sich dem Schöpfer zu und gewinnt.
2) Man lehnt den Schöpfer ab und verliert alles.
 
Nun wenden wir uns der anderen Hypothese zu, nämlich, dass es keinen Schöpfer gibt. In diesem Fall wird man für die Fehler, die begangen und nicht in diesem Leben bestraft worden sind, nicht zur Rechenschaft gezogen. Solange man also die Gewissheit hat, dass man mit einer Tat ungeschoren durchkommt, kann man alles tun und lassen, was man möchte, solange das eigene Gewissen damit einverstanden ist. Nach dieser Betrachtungsweise wird etwa Adolf Hitler für seine Taten nicht bezahlen. 
Aus der zweiten Hypothese resultieren somit folgende Möglichkeiten:
1) Man wendet sich dem vermeintlichen Schöpfer zu, aber steht im Ergebnis genauso wie jemand, der nach seinem Belieben gelebt hat. Er wird weder belohnt noch bestraft. Im Gegensatz zu dem anderen hat er aber sein Leben mit den Scheinregeln „eingeschränkt“.
2) Man lehnt den vermeintlichen Schöpfer ab und steht genauso wie bei 1), mit dem Unterschied, dass man genauso „frei“ wie die anderen gelebt hat.
 
Werden beide Hypothesen nebeneinandergestellt und überlagert, gewinnt immer der, der sich dem Schöpfer zuwendet. Wenn es einen Schöpfer gibt, hat er gewonnen. Das ist selbsterklärend. Wenn es keinen Schöpfer gibt, hat er jedoch im Vergleich zu dem anderen, der nicht geglaubt hat, trotzdem gewonnen. Mit dem Glauben kommt grundsätzlich die Akzeptanz sowie Befolgung der aufgestellten Regeln. Das bedeutet, dass diese Person niemanden grundlos verletzen wird, nicht lügen wird, aufrichtig sein wird, seiner Verantwortung gerecht werden wird, Almosen geben wird, seine körperlichen Gelüste lediglich im Rahmen des Erlaubten (Ehe) ausleben wird, fasten wird, beten wird etc. Mit anderen Worten wird er sein Leben disziplinieren. Wenn nun entgegengebracht wird, dass er aber keinen Spaß hat, wird verkannt, dass der von der Religion gezogene Kreis des Erlaubten das Spaßbedürfnis des Menschen gänzlich befriedigt, sodass es keinen Bedarf gibt, diesen Kreis zu verlassen. In Zeiten von Trauer und Angst wird er daneben stets Zuflucht in seinem Glauben finden.
Derjenige, der den Schöpfer ablehnt, verliert hingegen immer. Wenn es einen Schöpfer gibt, verliert er. Dies ist auch selbsterklärend. Wenn es keinen Schöpfer gibt, verliert er im Vergleich zu dem anderen, der sich dem vermeintlichen Schöpfer zuwendet. Er wird sich den Regeln, die vernünftig sind, nicht beugen. Er wird sich nach seinen Trieben richten, wodurch sein ungezügeltes Verlangen sein Inneres zur Ruine verwandelt. Er wird nach außen seine scheinbare Selbstdominanz demonstrieren, obgleich in seiner Gefühlswelt Angst und Trauer herrschen. Er wird seine Unabhängigkeit deklarieren, obwohl seine ganze Existenz ein Emblem seiner Abhängigkeit ist. 
 
In Anbetracht all dessen setzt man aus opportunistischer Sicht stets auf das richtige Pferd, wenn man sich in jedem Fall dem Schöpfer zuwendet. Die Aufrichtigkeit im Glauben wird gewiss mit der Zeit kommen.
 
Eine Frage blieb bisher unbeantwortet. Man könnte dieser Logik entgegenhalten, dass es im Leben oft zwei Möglichkeiten gibt, aber eine derartige Hypothesenbetrachtung unsinnig wäre. Das soll am folgenden Beispiel illustriert werden: Jemand ist gerade auf der Arbeit. Er hat eine Wohnung in der Stadt, die er allein bewohnt. Nun bestehen zwei Möglichkeiten: Wenn er nach Hause kommt, 1) befinden sich 1.000.000 Euro unter seinem Bett oder 2) es befinden sich keine 1.000.000 Euro unter seinem Bett. Nach welcher Hypothese sollte er sich jetzt richten? Wenn er selbst das Geld nicht dort platziert hat, ist es fast unmöglich, dass sich eine solche Summe unter seinem Bett befindet. Wenn er sich trotzdem an 1) richten würde, wäre er töricht. Das stimmt. Das kann aber nicht auf die obige Hypothesenbetrachtung übertragen werden. In diesem Beispiel geht die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Geld unter dem Bett befindet, gegen Null. Im obigen Fall sprechen jedoch auch aus der Perspektive jedes Ungläubigen die besseren Argumente für die Existenz eines Schöpfers.


15. Der Schöpfer und die Unendlichkeit

by Adam E. Yalçintaş

Wie kann man den Schöpfer und seine Rolle verstehen? Welche Bedeutung kommt der Unendlichkeit zu? In welchem Zusammenhang steht die Unendlichkeit zum Schöpfer? Das sind Fragen, die viele Menschen beschäftigt. Bereits die Frage, was die Unendlichkeit ist, kann mit dem menschlichen Verstand nicht richtig begriffen werden. Wenn an die Unendlichkeit gedacht wird, kommt zuerst meistens das scheinbar grenzenlose Universum in den Sinn. Allerdings ist dies mathematisch etwas komplizierter. Nach dem heutigen Verständnis der Mathematik grenzt der Begriff der Unendlichkeit diese von der Endlichkeit ab. Die These mag banal klingen, trifft aber genau den Kern. Dabei gibt es auch nicht nur eine Art der Unendlichkeit, sondern mehrere. So kann sich die Unendlichkeit etwa auf natürliche Zahlen, Primzahlen oder reelle Zahlen beziehen. Für die Zwecke dieses Beitrages kommt es jedoch darauf nicht an. Entscheidend ist vielmehr die Abgrenzung zur Endlichkeit. Wenn nun dieser Maßstab angelegt wird, kann nach heutigem Stand nicht gesagt werden, ob das Universum unendlich oder endlich groß ist. Das ist lediglich ein exemplarisches Beispiel, das zeigt, wie die Unendlichkeit Probleme bereitet. Als erste Prämisse kristallisiert sich aber heraus, dass die Unendlichkeit im Vergleich zur Endlichkeit unbeschränkt ist. Das ist unser Ausgangspunkt.
 
Nun werfen wir einen Blick auf die Reihenfolge der Geschehnisse um uns herum. Wir können sie am treffendsten in der Form beschreiben, dass zwischen einer Ursache und ihrer Wirkung unterschieden wird. Eine Ursache führt zu einer Wirkung. Die Wirkung ist wiederum die Ursache für eine weitere Wirkung. Das kann plastisch am folgenden Beispiel illustriert werden: Die Existenz meines Großvaters und meiner Großmutter (1. Generation)  haben zur Existenz meines Vaters geführt. Die Existenz meines Vaters und die meiner Mutter (2. Generation) haben zu meiner Existenz (3. Generation) geführt. Die 1. Generation ist die Ursache für die 2. Generation; die 2. Generation ist damit die Wirkung. Die 2. Generation ist jedoch wiederum die Ursache für die 3. Generation und damit zugleich Wirkung sowie Ursache. Das ist die grundsätzliche Funktionsweise unseres Universums. In diesem Zusammenhang kann auch von Kausalität gesprochen werden. Die zweite ermittelte Prämisse ist also, dass es stets einer Ursache für eine Wirkung bedarf.
 
Jetzt kombinieren wir die erste und die zweite Prämisse. Das bedeutet, dass wir eine Kette von Ursache und Wirkung aufstellen und diese unendlich laufen lassen. Es entsteht ein Modell, bei dem jede Ursache die Wirkung ist und jede Wirkung die Ursache ist. Dieses aufgestellte Modell übertragen wir auf unserer Universum und lassen das Modell rückwärts laufen. Irgendwann landen wir bei dem Urknall. Fraglich ist bei Zugrundelegung des erklärten Modells konsequenterweise, was vor dem Urknall war. Und nun wird es sowohl interessant als auch kompliziert. Der Grund dafür liegt darin, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt aus empirischer Sicht die Untersuchung nicht möglich und damit unergiebig ist. Mit anderen Worten können wir nicht sagen, was davor war. Es gibt zwar einige Theorien, die behaupten, dass vor dem Urknall eine unendliche Zeit bzw. ein unendlicher (oder leerer) Raum existent war oder einfach nichts da war. Das sind – wie der Name schon sagt – lediglich Theorien, die empirisch nicht nachgewiesen sind. Also funktioniert das Ursache-Wirkung-Modell nur bis zum Urknall. Der Urknall bildet danach den Anfang und ab diesem Moment folgt auf eine Ursache eine Wirkung. Das befriedigt allerdings den menschliche Verstand nicht vollumfänglich. Jeder Mensch wird bei genauerer Überlegung zu dem Schluss kommen, dass dies nicht sein kann. Es kann kein Beginn ohne Anfang geben. Die dritte Prämisse lautet somit: Die Vorstellung von Ursache/Wirkung kombiniert mit der Unendlichkeit passt nicht. 
 
Deshalb modifizieren wir das Unendlichkeitsmodell von Ursache sowie Wirkung und nennen es das Modell vom Einen. Wir gehen davon aus, dass es lediglich eine Ursache gibt und alles, was danach folgt, lediglich die Wirkung dieser Ursache ist. Die Ursache, die alles in Gang setzt, kann jedoch nicht den einzelnen Wirkungsbausteinen ähneln. Sie muss in der Weise spezifisch sein, dass sie alle Wirkungen, die auf dieser Ursache beruhen, stützen kann.
 
Das soll erneut an zwei plastischen Beispielen erläutert werden:
 
1) Wir stellen uns vor, dass es einen Stuhl mit nur zwei vorderen Beinen gibt. Wird dieser Stuhl aufgestellt, fällt dieser nach den gegebenen physikalischen Gesetzen um. Kommt ein weiterer Stuhl mit der gleichen Eigenschaft hinzu und wird so aufgestellt, dass der Stuhlsitz des ersten Stuhls an den Sitz des zweiten Stuhls angelehnt wird, dann hat – isoliert betrachtet – der erste Stuhl scheinbar einen Halt. Da aber der zweite Stuhl aufgrund der fehlenden hinteren Beine sich selbst nicht halten kann, fallen beide Stühle um. Diese Reihe kann man immer weiter fortsetzen. Solange am Ende kein Stuhl mit vier Beinen (bzw. drei Beinen), also ein Stuhl, das sich selbst auf den Beinen halten kann, steht, wird die Reihe unweigerlich zusammenbrechen.
Die Stühle, mit nur zwei Beinen, symbolisieren die Wirkungen, die uns tagtäglich begegnen. Der letzte, tragende Stuhl symbolisiert den Schöpfer. Der Schöpfer ist der tragende Halt.
 
2) Für dieses Beispiel müssen wir uns auf dem Gebiet der Mathematik bewegen und es fängt mit einer einfachen Frage an. Welche Zahl ist größer 0,00 oder 0,000000000? Die Antwort ist, dass beide Zahlen gleich groß sind; beides ist gleich 0. Gelichgültig wie viele Nullen man einfügt, es ändert nichts an dem Ergebnis. Die Bedeutung der Nullen ist Null. Erst wenn eine 1 in der Zahl erscheint, gewinnen die Nullen an Bedeutung. Besonderes Augenmerk ist hierbei darauf zu richten, dass die 1 sich grundlegend von der 0 unterscheidet. Die 1 kann alleine mit Bedeutung bestehen; die 0 hingegen fällt in sich zusammen. Die 0 repräsentiert die Wirkung; die 1 den Schöpfer.
 
Damit kann die vierte Prämisse abgeleitet werden: Es gibt einen Schöpfer. Dieser Schöpfer hat die Eigenschaft, dass er für sich allein bestehen kann. Alles andere fußt auf seiner Existenz. Der Schöpfer ist damit die einzige Ursache und alles andere nur eine Wirkung.
 
Wenden wir das Modell vom Einen auf das Universum an, bildet der Schöpfer den Anfang und alles, was wir kennen, beruht darauf. Damit ergeben sich aber zwei Probleme, die aufgeklärt werden müssen.
 
Das erste Problem: Wieso kann es nicht etwas vor dem Schöpfer gegeben haben, vielleicht sogar die Unendlichkeit selbst? Wir haben festgestellt, dass der Schöpfer die Eigenschaft der Unabhängigkeit sowie Selbstständigkeit haben muss. Dazu kommt, dass die uns bekannten Größen und Einheiten aus der Mathematik bzw. der Physik nicht geeignet sind, den Schöpfer zu beschreiben. Raum oder Zeit (vorher; nachher) gelten für ihn nicht. Auch der Versuch, den Schöpfer mit der Unendlichkeit gleichzusetzen, klappt nicht. Die Unendlichkeit (es gibt hier – wie oben gesagt – verschiedene) kann nicht den denkenden, planenden Anfang, die unabhängige 1 darstellen. Zwar kann die Unendlichkeit im Vergleich zu anderen Größen einen ersten Verständnisansatz im Hinblick auf den Schöpfer geben. Jedoch ist der Schöpfer jenseits der Unendlichkeit. Anders ausgedrückt, hat der Schöpfer dem Menschen nicht die Fähigkeit gegeben, ihn in dieser Form zu verstehen. Wir verstehen den Schöpfer eher über seine Eigenschaften. Deshalb ist die oft gestellte Frage, ob der Schöpfer einen Stein erschaffen könnte, der größer ist als der Schöpfer, unsinnig. Damit etwas größer ist als etwas anderes, braucht man Bezugspunkte und einen Maßstab. Diese existieren aber für den Schöpfer nicht. Manches entzieht sich angesichts dessen unserem Wissen und unseren Erkenntnismöglichkeiten.
 
Das zweite Problem: Kann die Existenz des Schöpfers, das für uns als Anfang beschrieben werden kann, empirisch nachgewiesen werden? Nein, dies ist nicht möglich. Das wäre aber auch kontraindiziert ist. Es wäre genauso, wie wenn eine Klausur geschrieben wird, bei der die Lösungen bereits darauf stehen. Das ist aber auch nicht notwendig. Wenn man den Schöpfer über eine Überlegung findet, reicht das schon für die Konsequenzen aus. Zum besseren Verständnis stellen wir auf ein berühmtes Sprichwort ab: „Alle Wege führen nach Rom“. Abgewandelt kann gesagt werden: „Alle Wege führen zum Schöpfer“. Wenn eine Überlegung zum Schöpfer führt und damit die Existenz des Schöpfers angenommen wird, werden seine Worte zur Wahrheit (Prinzip der Einheit). Es gibt unzählige Überlegungen, die zum Schöpfer führen. Eine dieser Überlegungen ist beispielsweise die Verbreitung der drei Weltreligionen. Jeder der Propheten (Moses; Jesus; Muhammed; Friede sei mit Ihnen) hat als Einzelperson angefangen. Der Erzengel Gabriel kam zu Beginn zu Ihnen und hat Ihnen die Worte des Schöpfers verlautbart. Ihnen wurde aufgetragen, die Worte des Schöpfers und deren Bedeutung den Menschen mitzuteilen. Es war der eine und derselbe Schöpfer. Nun war das, was verlangt wurde, nicht etwas, was einen unmittelbaren irdischen Vorteil mit sich brachte. Alkohol, Glücksspiel, Betrug, Gier, uneheliche Beziehungen etc. wurden verboten. Fasten, Spenden, Beten etc. wurden vorgeschrieben. Auf den ersten Blick widerstrebt die Religion dem menschlichen Spaßverlangen und ist nicht besonders einladend. Wie soll man denn die Menschen bewegen, sich dieser Religion anzuschließen? Vor allem kennen wir es selbst, wie schwierig es sein kann, eine einzige Person von etwas zu überzeugen, dass eigentlich gut für diese Person ist. Jeder vernünftige Mensch hätte jedem einzelnen Propheten in Anbetracht der schlechten Chancen und des zu erwartenden Widerstand klar gesagt, dass er sich nicht zu bemühen hat. Denn niemand würde sich eigentlich – auch wegen der bestehenden eigenen Regeln – einer solchen Religion anschließen. Allerdings hat die Geschichte gezeigt, dass dies nicht der Fall war. Milliarden von Menschen schlossen sich der Religion an und disziplinierten sich selbst. Das kann – irdisch betrachtet – in diesem Umfang nicht logisch erklärt werden. Etwaige Scheinargumente zerfallen bereits beim Aufstellen. Somit führt diese Überlegung zum Schöpfer. Da man aufgrund dessen von der Existenz des Schöpfers überzeugt ist, hört man sich an, was der Schöpfer zu dieser Sache zu sagen hat. Er spricht davon, dass er der Anfang und das Ende ist; er von allem unabhängig ist; er jenseits von Raum, Zeit sowie der Vorstellungskraft steht. 
 
Die aufgeworfenen Probleme werden damit entkräftet, das Modell vom Einen wird bekräftigt und es überzeugt. 


14. Der soziale Aspekt beim Fasten

by Adam E. Yalçintaş

Die Geschwindigkeit der Zeit, in der wir leben, hat sich – relativ betrachtet – verändert. Das Tempo der Geschehnisse hat sich erhöht sowie deren Wahrnehmung subjektiv angepasst. Prozesse, für die früher eine lange Zeit benötigt wurde, werden in einem Bruchteil der ursprünglichen Zeit erledigt. Dauerte beispielsweise die Bestellung sowie Lieferung einer gekauften Ware früher ein paar Wochen, so kann der gleiche Erfolg heute innerhalb eines Tages erzielt werden (etwa die prime-Lieferung bei Amazon). Zu dieser Wirkung haben daneben sicherlich die Digitalisierung sowie Technologisierung beigetragen. Aktuelle Informationen aus der ganzen Welt können in ein paar Sekunden auf der jeweils anderen Seite der Erde empfangen und aufgerufen werden. Es ist in der Gesamtheit so, als ob wir in einem Zug sitzen, der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, während die Umgebungslandschaft in unseren Augen verschwimmt. Viele Menschen haben angesichts dessen das Gefühl, dass ein Jahr sich anfühlt wie ein Monat, ein Monat wie eine Woche und ein Tag wie eine Stunde. Das hatte bereits der Prophet Muhammed (Friede sei mit Ihm) vor über 1400 Jahren vorausgesagt:
„Bevor es zum Tag des Jüngsten Gerichts kommt, wird sich die Zeit in relativer Hinsicht verändern. Das wird auf die Weise geschehen, dass ein Jahr einem wie ein Monat, ein Monat wie eine Woche, eine Woche wie ein Tag, ein Tag wie eine Stunde sowie eine Stunde wie eine Sekunde vorkommen wird“ (Tirmizi).
Das hat sich auch auf unsere Leistungsgesellschaft ausgewirkt. Erhöhte Leistungsbereitschaft sowie ständige Erreichbarkeit stehen heutzutage an der Tagesordnung. Wenn versucht wird, ein Familientreffen oder Freundestreffen zu organisieren, wird oft entgegnet, dass man gerade keine Zeit habe und irgendwann später das Treffen realisieren könne. Jeder ist immer mit etwas beschäftigt, nur nicht mit den Sachen, die eigentlich am wertvollsten sind. Wir haben uns in dem veränderten Fluss der Zeit verloren und können nicht mehr stillhalten. Alles dreht sich um die Frage, wie wir noch produktiver sein können. Das ist an sich nicht negativ, sondern eher positiv. Aber diese Gedankenstruktur beherbergt ein großes Gefahrenpotenzial. Denn die engstirnige Besessenheit von Leistung, Erfolg sowie Produktivität lässt das soziale Gerüst um einen einstürzen. Familie und Freunde werden als kontraproduktiv erachtet und man verliert sich Schritt für Schritt in der Einsamkeit, ohne dies rechtzeitig zu erkennen. Das wirkt sich in gesundheitsschädlicher Weise auf die Psyche aus. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, alleine zu sein. Die Unabhängigkeit ist ausschließlich für den Schöpfer reserviert. Vielmehr ist der Mensch auf ein intaktes soziales Leben angewiesen. Aber nicht nur die Einsamkeit schadet dem Menschen, sondern auch die Tatsache, dass keine Zeit für die innere Reflektion bleibt. In regelmäßigen Abständen sollte jeder seine innere Gefühlswelt näher beleuchten und fragen, wie es einem selbst geht. Die Vernachlässigung des eigenen Gemütszustands steigert das Risiko, an einer Krankheit (z. B. Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankung) zu erkranken, enorm. Ironischerweise führt der unbändige Wille, mit der Zeit mitzuhalten und seine Leistung immer weiter zu erhöhen, irgendwann dazu – weil die Gesundheit leidet –, dass die Leistung abnimmt. Viel wichtiger ist jedoch, dass das eigene Glück dadurch torpediert wird. 
 
Das gilt es, zu verhindern. Ein wirksames Mittel gegen diese Symptomatik ist die Meditation. Sie ermöglicht es, innezuhalten und sein eigenes Ich zu reflektieren. Das kann im einzelnen Fall dazu führen, dass man einen Gang herunterschaltet. Schwieriger ist auf diesem Wege indes die Rekonstruktion sowie Vertiefung des sozialen Umfeldes. Auch wenn man selbst zu dem Entschluss gekommen ist, dass mehr Wert auf die sozialen Interaktionen gelegt werden muss, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass andere diese Ansicht teilen.
 
Aus diesem Grund gibt es etwas, das besser funktioniert als die Meditation, nämlich das muslimische Fasten im Fastenmonat Ramadan. Gemeinsam hat das muslimische Fasten mit dem Intervallfasten, dass über einen sehr langen Zeitraum nicht gegessen wird (momentan ca. 16 h). Das muslimische Fasten geht aber über das Intervallfasten hinaus, da in diesem Zeitraum auch nichts getrunken wird. Damit rücken zwei maßgebliche Zeitpunkte in den Vordergrund: zum einen der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs, zum anderen der Zeitpunkt, ab dem das Morgengebet verrichtet werden darf. 
 
Bis zum Zeitpunkt, ab dem das Morgengebet verrichtet werden darf, darf etwas gegessen sowie getrunken werden. Das ist nicht die Zeit bis zum Sonnenaufgang. Das wird oft fälschlicherweise behauptet. Der tatsächliche Zeitpunkt liegt gerade ca. bei 1:45 h vor Sonnenaufgang. Der Name dieses relevanten Zeitraums für das Fasten heißt „Sahur“. Mit dem Sonnenaufgang wird das Fasten gebrochen (auch „Iftar“genannt). Diese zwei Zeitpunkte (der Zeitpunkt des Fastenbrechens ist wohl wichtiger für alle Menschen) sind deshalb so wichtig, weil sie zwei Konzentrationspunkte darstellen. Damit ist gemeint, dass alle Menschen in dieser Region zum gleichen Zeitpunkt mit dem Fasten beginnen sowie das Fasten brechen. Das ist nun unser Ausgangspunkt für die weitergehende Erläuterung und daran wird im weiteren Verlauf anzuknüpfen sein.
 
Normalerweise variieren die Esszeiten auch innerhalb der Familie. Das beruht etwa darauf, dass das Hungergefühl bei jedem zu einem anderen Zeitpunkt aufkommt. Ein weiterer Grund ist, dass man zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommt. Ideal ist es, wenn zumindest für das Abendessen eine fixe Zeit vereinbart wird, sodass die ganze Familie innerhalb des Tages einmal zusammen isst. Wie die Erfahrung zeigt, klappt das jedoch in der Praxis nicht immer, auch wenn alle Beteiligten Wert auf ein gemeinsames Abendessen legen. 
 
Dem Problem hilft das Fasten im Ramadan ab. Aufgrund der zwei Konzentrationspunkte (Sahur; Iftar) entsteht zwangsläufig ein Zeitplan, an den sich alle Beteiligten zu halten haben. Mittelbar wird anhand dessen ein gemeinsames Abendessen für die ganze Familie organisiert. Dieser Effekt beschränkt sich hingegen nicht nur auf die Familie, sondern betrifft die Gesellschaft schlechthin. Gemeinsames Fastenbrechen hat sich mit der obligatorischen Vorschreibung des Fastens im Ramadan etabliert und stellt die Regel dar. Jedenfalls kann gesagt werden, dass im Ramadan öfter mit anderen Menschen zu Abend gegessen wird als in den anderen Monaten des Jahres. Zwar bestünde die Möglichkeit, alleine zuhause das Fasten zu brechen, das wäre jedoch mit einer gewissen Trostlosigkeit verbunden, die dadurch verstärkt wird, dass man genau weiß, dass die anderen Menschen gerade zusammen sind. Daher wird auch in der Praxis einer Einladung zum Fastenbrechen gefolgt. Einer eventuellen Ausgrenzung einzelner Person steht bereits der dem Ramadan zugrunde liegende Gedanke entgegen. Gefördert wird der beschriebene Effekt durch einen Ausspruch des Propheten Muhammeds (Friede sei mit Ihm), der lautet: „Jemand, der einen Fastenden zum Fastenbrechen einlädt und mit diesem das Fasten bricht, erhält die gleiche Belohnung, die dem eingeladenen Fastenden gutgeschrieben wird, ohne dass auf beiden Seiten eine jegliche Verringerung stattfindet“ (Tirmizi).
 
In Anbetracht dessen wird der Familienfrieden und der Zusammenhalt in der Familie sowie in der Gesellschaft gestärkt. Freunde, die man lange nicht gesehen hat, werden wiedergetroffen und das Band erneuert. Mit anderen Worten wird das soziale Umfeld reaktiviert und neu geflochten. Daneben dient die Zeit im Ramadan dazu, eine tiefergehende innere Reflektion durchzuführen, sodass diese Komponente von der Fastenzeit miteingeschlossen wird.
 
Das Fasten im Ramadan ist somit auch ein Mittel gegen die soziale Verwahrlosung. 


13. Geduld – eine wertvolle Tugend

by Dilara Doğan


„Oh ihr Gläubigen! Sucht Hilfe in der Geduld und im Gebet; wahrlich der Schöpfer ist mit den Geduldigen“ (2:153), heißt es im Koran. Auffallend ist, dass die Geduld mit dem Gebet gleichgestellt wird und somit als eine Glaubenspraxis definiert wird.
Es stellt sich die Frage, wieso die Geduld denn eine wertvolle Tugend ist und wieso die Hilfe in der Geduld gesucht werden sollte?
 
Der Mensch erlebt in seinem Leben gute sowie schlechte Zeiten. Die Reaktion auf schlechte Zeiten fällt jedoch meist unterschiedlich aus. Wenn jemand beispielsweise eine potenziell tödliche Diagnose erhält, ist das sicherlich ein Tiefpunkt in dem Leben dieser jeweiligen Person. Er kann darauf mit Auflehnung oder mit Geduld reagieren. Das ist ein entscheidender Scheideweg. Wenn diese Person die Auflehnung wählt, folgt sie ihrer eigenen unvernünftigen Triebseele („Nefs“). 
Jeder Mensch wird auf eine andere Art und Weise geprüft. Jedoch ist der gemeinsame Punkt, dass die jeweilige Situation überfordernd wirkt und der Mensch an seine Grenzen kommt. Genau zu diesem Zeitpunkt ist es enorm wichtig, nicht zu vergessen, dass jegliche Prüfung vom Schöpfer kommt. Daher sollte man an diesen Umstand denken und geduldig sein. Die Prüfung im Leben ist nämlich an genau dieser Stelle gegeben. Der Mensch findet Ruhe und die innere Glückseligkeit, wenn diese Reflektion stattfindet und das Geschehene mit Geduld empfangen wird.
 
Die Geduld kann auf verschiedenste Art praktiziert werden. Sie kann aktiv oder passiv ausgeübt werden. Trauer, Wut oder andere negative Gefühle sind unvermeidlich, menschlich und erlaubt. Wichtig ist allerdings, dass keine Auflehnung gegenüber dem Schöpfer erfolgt. Die innere Ruhe kann nur dadurch erreicht werden, wenn man weiß, dass auch in solchen Lagen der Schöpfer immer mit einem ist.
 
Geduld ist eine Energiequelle des Menschen, denn der Mensch findet Kraft, Ruhe, Hoffnung, Glück und eine offene Tür, wenn er geduldig ist. 
Man sagt auch so schön: „In der Ruhe liegt die Kraft.“
Im Islam ist die Geduld eines der wichtigsten Grundlagen, womit der Mensch für sich und für das soziale Umfeld Gutes tut.
 
Die Geduld ist eine hochwertige Tugend, womit das Zusammenleben in der Gesellschaft für das eigene Ich, aber auch mit den Menschen vereinfacht und verschönert werden kann.
Sei geduldig, alles geschieht für Dich und zu deinem Wohl, habe Vertrauen in den Schöpfer, denn alles im Leben ist eine Bereicherung. Sei dankbar für alles, was kommt.


12. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

by Adam E. Yalçintaş

Sie sagen: Weshalb schränkst du dir dein Leben dermaßen ein? Wieso können wir unser Leben nicht nach unserem Belieben und nach unseren Regeln leben? Warum ist denn überhaupt der Glaube an einen Schöpfer notwendig, wenn „Gott“ bereits tot ist? Ist die Religion nicht etwas, was einige brauchen, wenn sie traurig, schwermütig oder trostlos sind?
Meine Antwort lautet: Könnt ihr das Tor zum Grab schließen? Könnt ihr den Tod töten? Wenn nicht, schweigt und hört der Religion zu, was sie zu sagen hat. Sie sagt, dass der Mensch sich grundlegend vom Tier unterscheidet. Ein Tier ist im Gegensatz zum Menschen nicht mit Vernunft gesegnet. Es lebt den Moment im Sinne von „carpe diem“. Da es keine Vernunft besitzt, begleiten ihn vergangene Fehler, Reue oder Schicksalsschläge nicht, die sein Gewissen – das eng mit der Vernunft verknüpft ist – plagen. Die Schwere der Vergangenheit lastet nicht auf seinen Schultern. Mangels Vernunft sowie Reflektion macht es sich keine Sorgen um seine Zukunft. Ängste, die sich darauf beziehen, und Unsicherheiten kennt es nicht. 

Anders ist der Mensch konzipiert. Jeder Mensch lebt mit seiner Vergangenheit. Jeder hat seine Last zu tragen. Dementsprechend kann sich kein Mensch gänzlich von seiner Vergangenheit lösen. Sie ist ein ständiger Begleiter. Sie strahlt daher auf die Gegenwart aus und färbt auf sie ab. In ähnlicher Weise beeinflusst die Zukunft die Gegenwart. Verschiedene Gefühle und Gedanken werden mit Blick auf die Zukunft beim einzelnen Menschen ausgelöst. Regelmäßig dominiert das Gefühl der Angst, die sich aus Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten speist, gegenüber dem Gefühl der Hoffnung. Daneben gesellt sich die Tatsache, dass man selbst und jeder, den man kennt, ­– wie jedes Lebewesen – sterben wird. Die Zukunft stellt sich vor dem inneren Auge wie ein Abgrund dar, in dem jedes Leben ohne die Möglichkeit eines Wiedersehens ausgelöscht wird und verschwindet. Jeder Mensch, den man liebt, zerfällt bereits und ist ein Schatten, der bald vergeht; ein Glas, das bald zerbricht.

Die Gegenwart wird also durch diese zwei Parameter maßgeblich geprägt. Wie kann in Anbetracht dessen die Gegenwart noch genossen werden? Genau an diesem Punkt reicht die Religion ihre Hand, schenkt ihm eine unvergleichliche Hoffnung und verspricht: „Deine Sünden werden dir vergeben, wenn du um Vergebung bittest. Deine Fehler werden ungeschehen gemacht, wenn du dich bemühst. Du wirst sehen, dass auch die Schicksalsschläge, die du zu erleiden hattest, dich in Bezug auf das irdische Leben auf die für dich bestmögliche Lebenslinie gebracht haben und du wirst für deine Geduld mit der Unmöglichkeit belohnt. Deine Angst hinsichtlich der Zukunft wird durch dein Vertrauen in den Schöpfer zerdrückt. Denn der Schöpfer ist erhabener als deine größte Angst. Auch wenn alles auf der Welt dich fallen lässt, wird er dich niemals fallen lassen, sondern auffangen. Der Tod ist kein Abgrund, sondern ein Übergang. Es ist das Versprechen des Schöpfers, dass du all deine geliebten Menschen nach dem Tod im Jenseits wiedertreffen wirst. Ein Versprechen, das absolut gilt und uneingeschränktes Vertrauen genießt.“

Wenn es dem Einzelnen aber gelingt, die Vergangenheit und die Zukunft vorübergehend auszublenden, kann er sich dennoch nicht ausschließlich auf das Jetzt konzentrieren. Denn gerade in diesem Moment springen die drei Fragen hervor, die tief im Herzen verwurzelt sind: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? 
Auch an dieser Stellte eilt die Religion zur Hilfe und antwortet: „Du bist ein Liebling des Schöpfers. Du bist ein Spiegel für mannigfaltige Eigenschaften des Schöpfers. Du bist eine Seele, die dazu erschaffen wurde, den Schöpfer kennenzulernen und ihm zu dienen. Nachdem du erschaffen wurdest, wurde deine Seele mit einem fleischlichen Körper verbunden, sodass du deine Prüfung ablegst und wächst. Du bist zwar auf der Welt und kannst dich an dein Versprechen, nämlich dass du dem Schöpfer immer treu bleiben wirst, nicht genau erinnern, vergiss aber nicht, dass jede Seele stets auf der Suche nach dem Schöpfer ist. Es ist in jeder Seele angelegt. Am Ende wird jede Seele wieder zu ihm zurückkehren.“

Somit ist eine Loslösung vom Schöpfer und der Religion nicht möglich, weil sie unsere Existenz ausmachen. Wir verdanken ihm alles und sind zur Treue verpflichtet.

„Gewiss werden wir euch auf die verschiedensten Arten (Angst, Hunger, materieller sowie immaterieller Verlust) prüfen. Verkünde aber den Standhaften, den Geduldigen, dass sie mit der Gunst des Schöpfers belohnt werden. Die Gepriesenen sind dadurch gekennzeichnet, dass, wenn sie sich mit einem Leid konfrontiert sehen, sie sagen: Wir sind die Geschöpfe des Einen, sind seine Diener und wahrlich kehren wir zu Ihm zurück“ (Koran, 2:155/156).

11. Das kleine Mädchen und ihr Schloss

by Adam E. Yalçintaş

Es war mal ein junger Mann, Anfang 20, der in einer großen Stadt lebte und dort Mathematik studierte. In derselben Stadt lebte auch seine Schwester mit seiner fünfjährigen Nichte. Sie hatten eine gute Beziehung zueinander und der junge Mann besuchte sie so oft er konnte. Seine Schwester war eine herzensgute, liebevolle und zuvorkommende Person. Seine Nichte kam hingegen nicht nach ihr. Sie war mürrisch, eigenwillig sowie unberechenbar. Wenn man sie mit einem Wort beschreiben müsste, wäre das passende Wort wohl „komisch“ im Sinne von eigenartig gewesen. Nichtsdestotrotz war sie aber auch sehr intelligent. 

Sonntags war der junge Mann stets bei seiner Schwester zum Frühstück eingeladen. Im Zuge dessen klopfte der junge Mann an einem Sonntag an der Tür seiner Schwester. Sie öffnete die Tür und bat ihren Bruder herein. Als der Bruder das Wohnzimmer betrat, sah er den Frühstückstisch mit verschiedenen Leckereien bestückt. Ihm fiel aber auf, dass er seine Nichte bisher nicht zu Augen bekommen hatte. Normalerweise war es sie, die die Tür für ihren Onkel aufmachte und mit neuen Wörtern, die sie in der Kita gelernt hatte, bombardierte. Irgendwie war er auch froh. Er hoffte insgeheim, dass seine kleine Nichte bei einer Freundin zum Spielen verabredet war und er den schönen Sonntag in Ruhe mit seiner Schwester verbringen könnte. Am besten war es vermutlich, ihre Abwesenheit überhaupt nicht anzusprechen und die Atmosphäre unbefleckt zu lassen. Allerdings war er auch sehr neugierig und konnte sich nicht zügeln, seine Schwester zu fragen, wo denn seine Nichte ist. Sie antwortete, dass die Kleine in ihrem Zimmer sitzt und an ihrem Schloss arbeitet. Der junge Mann verstand nicht unmittelbar, was die Schwester mit „Schloss“ gemeint hatte. Also fragte er nach. Die Schwester gab an, dass sie am Montag in einem Kaufhaus waren und die Kleine ein Set aus Lego dort entdeckte. Obwohl das Set ziemlich teuer war und aus vielen kleinen Teilchen bestand, wollte sie den Wunsch ihrer Tochter unbedingt erfüllen. So kaufte sie das Set. Seitdem verbringe die Kleine ihre komplette freie Zeit damit. Der junge Mann schloss aus den Aussagen seiner Schwester, dass seine Nichte mit dem Bau eines Lego-Schlosses beschäftigt ist. Jetzt wurde er noch neugieriger und fragte seine Schwester, ob er mal nach der Kleinen sehen dürfe. Daraufhin ging er zum Zimmer seiner Nichte und klopfte an. Da niemand antwortete und die Tür einen Spaltbreit offenstand, ging er einfach in das Zimmer hinein. Was er dann sah, verblüffte ihn außerordentlich. Auf dem Boden stand ein Schloss mit einem Garten. Zunächst wurden kleine, grüne Legosteine auf dem Boden penibel nebeneinandergereiht und miteinander verknüpft. An den Anfang dieses Fundaments wurde ein Schloss gesetzt. Diverse Legosteine unterschiedlicher Farbe, Größe sowie Form wurden derart zusammengesetzt, dass als Endprodukt ein nach außen makelloses Schloss entstand. Vor dem Schloss befand sich ein Garten. Dieser war mit Bäumen und Skulpturen versehen. Beim näheren Hinschauen konnte man kleine Menschen erkennen. Die meisten waren Bedienstete. Es war aber auch eine kleine Prinzessin dabei, die im Schloss saß. Das ganze Konstrukt wies eine Ordnung auf, die an Perfektion grenzte. Alles war harmonisch miteinander verknüpft. 
Während der junge Mann die Schönheit des Schlosses begutachtete, zog eine kleine Hand an seiner Hose. Er drehte sich um und sah seine Nichte. Es begann ein für alle Menschen aufschlussreicher Dialog zwischen den beiden. 
Sie fragte ihn: „Was machst du hier?“. Der junge Mann erwiderte: „Ich war auf der Suche nach dir. Ich habe gesehen, wie schön du das Schloss aus Lego aufgebaut hast“. Das kleine Mädchen schaute ihn unverwandt an und sagte völlig unvermittelt: „Ich war das gar nicht. Ich habe das Schloss nicht gemacht“. Der junge Mann blickte auf das scheinbar niedliche Gesicht des kleinen Mädchens ungläubig und hakte nach: „Du hast es nicht gemacht? Wer hat denn dann die Legosteine so schön zusammengesetzt?“. Wie aus der Pistole geschossen, entgegnete das kleine Mädchen: „Es war der Wind! Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen und ging aus dem Zimmer. An diesem Tag war es sehr windig und als ich zurückkam, war das Schloss fertig. Es war also eigentlich der Zufall“. Beim letzten Satz entdeckte der junge Mann ein unterdrücktes Lächeln auf dem Gesicht seiner Nichte. Und plötzlich fing sie an, laut zu lachen. Dabei sagte sie zu ihrem Onkel: „Hab dich nur veräppelt. Ich habe das Schloss gemacht. Habe dafür fast eine Woche gebraucht“. Er war an das groteske Verhalten seiner Nichte gewöhnt, sodass ihn dieses Verhalten nicht sonderlich überraschte. Was danach kam, überraschte ihn jedoch sehr. Nachdem das kleine Mädchen gesagt hatte, dass sie mit dem Schloss heute fertig geworden sei, fing sie plötzlich an, alles zu zerstören. Als sie auch damit fertig war, rief sie zu ihrer Mutter im anderen Raum: „Mama, ich will Pfannkuchen!“ und rannte aus dem Zimmer. Der junge Mann schaute seiner Nichte voller Verwirrung hinter. Er kannte zwar das launische Verhalten seiner Nichte, aber das sprengte jeden Rahmen. Er konnte nicht nachvollziehen, wie sie ihr Werk, wofür sie eine knappe Woche gebraucht hatte – für eine Fünfjährige ist das eine kostbare Zeit –, einfach so zerstören konnte. In Gedanken versunken, ging er zurück an den Frühstückstisch.

Diese Geschichte zeigt exemplarisch zwei Gesichtspunkte, die genau verstanden werden müssen; zum einen das Problem mit dem Zufall, zum anderen das Problem mit der Willkür.
Weder den jungen Mann noch die Leser konnte hier die Aussage des kleinen Mädchens überzeugen, dass der Wind oder mit anderen Worten der Zufall das Schloss aus Lego geschaffen hat. Der Grund dafür liegt darin, dass es unserer Logik sowie Vernunft widerstrebt, zu glauben, dass etwas so Komplexes wie das beschriebene Schloss vom Wind geschaffen werden kann. Denn der Wind oder der Zufall hat kein Gespür für Ordnung oder mathematische Genauigkeit, als dass am Ende die einzelnen Teile derart zusammengesetzt werden, dass ein Endprodukt wie das Schloss entsteht. Wie kann dann behauptet werden, dass unsere Existenz und unser Universum auf Zufall basiert? Denn es ist offenkundig, dass deren Komplexität die Komplexität des Schlosses aus Lego gänzlich verdrängt, sogar gegen Null gehen lässt. Es gibt kein Gesetz ohne Gesetzgeber, kein Haus ohne Architekten, keinen Computer ohne Informatiker. Daher kann es auch kein Universum ohne einen Schöpfer geben.
Wenn nun diese Prämisse angenommen wird, ist es dann nicht die logische Konsequenz, dass es nicht sein kann, dass unsere Existenz mit der des Universums endet. Als das kleine Mädchen das Schloss zerstörte, dachten sich viele Leser bestimmt, weshalb sie das macht. Sie waren damit nicht einverstanden, weil die eigenen Bemühungen des Mädchens zunichte gemacht worden sind und überhaupt, dass so etwas Schönes nicht zerstört werden darf. Der Mensch ist ein Wesen, das mit Vernunft und der Fähigkeit der Reflektion gesegnet ist. Angesichts des Zerfalls allen Lebens bebt die Stimme der Seele und verlangt nach der Ewigkeit. Wenn der Schöpfer uns darauf beschränken würde, wäre es genauso wie bei dem kleinen Mädchen, die aus einer Laune heraus ihr Werk zerstört hat. Ein Verhalten, das lediglich von einem unreifen Kind erwartet werden kann. Die Existenz ist aber kein Kinderspiel. 


10. Romeo, Julia und der Wissenschaftler

by Adam E. Yalçintaş

„For never was a story of more woe/
Than this of Juliet and her Romeo.”
“Denn niemals gab es ein so herbes Los/
Als Julias und ihres Romeos.“

by William Shakespeare


In dieser Linie der Zeit stirbt Julia aufgrund des Dolchstoßes wie in der originalen Geschichte. Anders sieht es jedoch bei Romeo aus. Ein Wissenschaftler sieht das ganze Spektakel und leistet bei ihm Erste Hilfe und verabreicht ihm ein Gegenmittel gegen das eingenommene Gift. Romeo wird wiederbelebt und überlebt trotz seines innigen Wunsches, zumindest nach dem Tod mit seiner Julia zusammen zu sein. Den Wissenschaftler und Romeo verbindet nach diesem Geschehen ein starkes Band und eine tiefergehende Freundschaft. Seine Sehnsucht nach Julia und seine Liebe zu ihr bestehen nichtsdestotrotz in unveränderter, leidenschaftlicher Form weiter. Aber irgendetwas hält ihn von dem letzten Schritt ab. 


Der Wissenschaftlicher nimmt Romeo bei sich auf. Der Wissenschaftler gehört zu den Personen, die versuchen, alles rational zu erklären. Er betrachtet die Erlebnisse und Geschehnisse objektiv und fragt nicht nach der Bedeutung einer Sache. Romeo ist das genaue Gegenteil davon. Er war schon immer ein Romantiker. Jede seiner Zellen weiß, wie sich Liebe und Zuneigung anfühlen. Er versucht stets, hinter die Fassade zu schauen und den tieferen Sinn zu begreifen.

Romeo ist seit dem Tod von Julia oft in Melancholie versunken und verlässt das Haus kaum. Das ändert sich, als der Wissenschaftler an einem Tag stark aufgeregt und aufgewühlt in das Haus eingestürmt kommt. Er berichtet, dass ein seltsames Schriftstück in einer Höhle gefunden worden sei und nun alle Menschen darüber reden. Er möchte sich unbedingt auch das Schriftstück mal näher ansehen und fragt Romeo, ob dieser mitkommen möchte. An diesem Tag macht sich ein Gefühl in Romeo breit, das er davor in dieser Form nicht kannte. Er wird neugierig und stimmt zu.

Angekommen an dem besagten Ort, nähern sie sich dem Schriftstück und beginnen, es zu inspizieren. Plötzlich schreit der Wissenschaftler auf. Er ist fasziniert von der Orthografie, von der Ordnung der Wörter sowie Buchstaben, von der gewählten Farbe, von der Schriftart, von der Qualität des Papiers, etc. Als er mit einer Lupe diese Merkmale untersucht, tropft etwas auf das Schriftstück herunter. Er denkt im ersten Moment daran, dass es möglicherweise angefangen hat, zu regnen. Er bemerkt jedoch schnell, dass es keine Regentropfen sind, sondern Tränen, Tränen von Romeo. Daraufhin fragt der Wissenschaftler Romeo, weshalb er weint. Er erwidert diese Frage mit folgenden Worten: „Du schaust dir lediglich die äußeren Eigenschaften an; du versuchst aber nicht, zu verstehen, was der Verfasser mit diesen Wörtern und Buchstaben zum Ausdruck bringt. Du beschränkst dich auf das Sichtbare, ohne den tieferen Sinn zu begreifen. Der Verfasser spricht in seinem Schriftstück von Liebe, einer Liebe, die sogar mir bisher fremd war. Er spricht von Hoffnung, einer Hoffnung, die sogar mein Herz vor Freude wieder schlagen lässt. Er spricht von Größe, einer Größe, die einen demütig werden lässt. Und er spricht von Rückkehr, einer Rückkehr zu ihm, die ich nun sehnlicher erwarte als die Rückkehr zu meiner geliebten Julia.“

 

Exemplarisch trifft diese Geschichte den Nerv unserer Zeit. Bereits in der Grundschule wird den Schülern gelehrt, wie einfache Mathematik funktioniert und Grundlagen unseres Planeten vermittelt. In der weiterführenden Schule und an der Universität lernen die Rezipienten fortgeschrittene Mathematik, Physik, Chemie, Naturwissenschaft im Allgemeinen. Sie betrachten das Weltall, die verschiedenen Planten, Sterne und sind fasziniert von der Ordnung. Daneben richten sie ihren Blick auf Protonen, Elektronen sowie Neutronen. Sie sind begeistert von der Quantenverschränkung. Sie verlieren indes das Wesentliche aus den Augen. Sie lesen nicht das Buch des Universums. Sie wollen nicht verstehen, was der Schöpfer uns damit sagen möchte. Die Bedeutung bleibt auf der Strecke und damit der Kern allen Lebens. 

Der Schöpfer zeigt mit allem, was existiert und geschaffen wurde, auf seine Existenz und Erhabenheit hin. Er sagt mit den Worten des heiligen Korans: "Sowohl im Himmel als auch auf der Erde befinden sich wahrlich Zeichen und Hinweise für die Gläubigen [und Aufmerksamen]" (45:3).

9. Spicken – ein unterschätztes Übel

by Adam E. Yalçintaş

Das Spicken gibt es schon sehr lange. Wahrscheinlich begann es, als die ersten Menschen sich mit Klausuren konfrontiert sahen. Seitdem hat das Spicken eine Evolution erlebt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Manche benutzen unsichtbare Tinte, die nur mit einem besonderen Licht sichtbar wird; andere kleben sich Spickzettel auf die Schuhsohle. Zum Spicken in dem hiesigen Sinne gehört auch die Hilfe eines Sitznachbarn oder eines Kommilitonen. Mit anderen Worten kann man dem Spicken in jeder Klasse auf der Welt begegnen. Seinen Höhepunkt erreichte das Spicken in der Corona-Phase. Als die Schulen und Universitäten zwangsweise geschlossen wurden, stellten die Lehrer sowie Dozenten notgedrungen auf den Online-Unterricht um. Klausuren und Prüfungen waren davon eingeschlossen. Die Schüler und Studierende wussten, wie sie diese Lage ausnutzen können. Für die Lehrer und Dozenten war es schlicht unmöglich, eine adäquate Kontrolle durchzuführen. Dessen waren sich die Prüflinge bewusst. Auf diese Weise bestanden viele ihre Klausur oder schnitten mit einer viel besseren Note ab. Fraglich ist, ob ein solches Verhalten mit dem Recht und der Religion vereinbar ist. Nur weil unzählige Menschen etwas machen, ist es nicht automatisch legitim. 
Um diese Frage beantworten zu können, muss zuvorderst der Sinn von Prüfungen beleuchtet werden. Eine Prüfung zielt darauf ab, die zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Kompetenzen hinsichtlich eines Faches oder eines Themenfeldes zu kontrollieren sowie zu bewerten. Die Note zeigt auf, ob etwas sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft oder ungenügend gemacht wurde. Sie dient zugleich als Differenzierungskriterium. Jeder weitere Schritt baut darauf auf, bis diese Person ein Amt bekleidet oder einen Beruf ausübt. Damit also der Zweck von Prüfungen erreicht werden kann, ist es erforderlich, dass Chancengleichheit herrscht. Das bedeutet, dass jeder unter gleichen Rahmenbedingungen geprüft werden muss. Nur auf diese Weise spiegelt die Note die wahren Kompetenzen einer Person wider. 
In Art. 33 II Grundgesetz heißt es, dass jeder Deutsche nach seiner Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung gleichen Zugang zu einem öffentlichen Amt hat. Es ist also die Rede von der Bestenauslese. Zwar bezieht sich diese Vorschrift auf deutsche Staatsangehörige und auf das öffentliche Amt. Aber das Prinzip, dass grundsätzlich derjenige, der bessere Kompetenzen hat, vorzuziehen ist, kommt in allen Bereich in irgendeiner Weise zum Tragen. Wenn ein Unternehmen jemanden einstellen möchte, werden Komponenten wie Berufserfahrung, Teamfähigkeit etc. wichtig sein. Aber was immer an erster Stelle kommt, ist die Kompetenz. Niemand möchte jemanden einstellen, der nicht kompetent ist. 
Wenn also Noten derart wichtig sind und sich auf das Leben auswirken, ist es unabdingbar, einen fairen Wettbewerb herzustellen. Dies bedeutet, dass in den Schulen und Universitäten, die öffentliche Bildungseinrichtungen darstellen, die Chancengleichheit gewährleistet sein muss. Dazu sind sie verpflichtet. Wenn nun der Einwand erhoben wird, dass andere auch betrügen, wird übersehen, dass es keine Gleichheit im Unrecht gibt. Man darf sich nicht im Schatten des Unrechts bewegen, sondern muss in das Licht des Rechts treten. Damit zusammenhängend darf nicht vergessen werden, dass unsere Rechtsordnung zugleich eine Moralordnung vorgibt. Daher ist jeder Bürger und jede Bürgerin jedenfalls moralisch verpflichtet, sich an die Chancengleichheit zu halten. Dass Spicken moralisch nicht vertretbar ist, kann an dem folgenden Beispiel für jedermann eindrucksvoll demonstriert werden: Wenn es einen Kameraden in der Klasse gibt, dessen Eltern stinkreich sind, und der Prüfer eine beträchtliche Summe erhält, um die Note seiner Klausur aufzupolieren, würde nicht jeder, insbesondere seine Schulkameraden, aufspringen und schreien: „Das ist Unrecht!“? Wenn man das nun nüchtern betrachtet, hat dieser Schüler einen Vorteil, der ihm zur Verfügung stand, ausgenutzt. Ähnlich ist es doch, wenn jemand einen Spicker verwendet. Er hat in diesem Fall dann auch nur einen Vorteil, der nur ihm zur Verfügung stand, zu seinem Gunsten verwendet. Beides ist Unrecht. Und beides ist verboten. Wie kann das Spicken in Anbetracht dessen rechtfertigt werden?
Auch die Religion verpönt aus verschiedenen Gründen ein solches Verhalten. Als Erstes ist die Person, die spickt, nicht aufrichtig. Nach außen wird ein Bild der Falschheit erzeugt. Jede Person, die die erschlichene Note sieht, geht von einer gewissen Kompetenz dieses Kandidaten aus. Aber in Wirklichkeit stimmt es nicht. Es ist nicht verdient. Und gerade dieses Bild erzeugt der Betrüger. Das passt nicht zu den Eigenschaften eines Gläubigen, der sich bewusst ist, dass er nach seinem Tod für jedes auch so kleine Unrecht zur Rechenschaft gezogen wird. Ferner ist diese Person nicht vertrauenswürdig. Nur um einen persönlichen Vorteil zu erlangen, missachtet er die Rechte der anderen, die keinen Spicker benutzen. Er spuckt regelrecht auf ihre Bemühungen. Es entsteht automatisch eine Abneigung gegen diese Person und gegen seine Werte, die er angeblich vertritt. Zudem zeigt die Nutzung von Spicker, dass diese Person faul ist und sich nicht um eine anständige Organisation bemüht. Falls er durch die konkret erschliche Note jemandem vorgezogen wird, der ehrlich die Note verdient hat, greift er aktiv in seine Rechte ein und es besteht die hohe Gefahr, dass diese Person ihn nach dem Tod vor dem Schöpfer anklagt. Es könnten noch weitere Aspekte aufgezählt werden, aber es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Kurzum torpedieren Gläubige, die einen Spicker benutzen, das, was die Gläubigen versuchen, aufzubauen, nämlich uneingeschränktes Vertrauen. Genauso schlimm ist es ­– obwohl viele denken, dass sie eine gute Tat begehen – dem Sitznachbar die Lösung vorzusagen. Es wird in gleicher Weise in die Rechte der anderen eingegriffen. 
Falls wir in der Vergangenheit etwas Derartiges gemacht haben, sollten wir um Vergebung bitten. Wir sollten unsere Mitmenschen darauf aufmerksam machen. Das Wichtigste ist aber, dass wir unseren Nachkommen erklären, weshalb ein solches Verhalten nicht vertretbar ist. Auch wenn dieser Beitrag nichts an der egoistischen Einstellung dieser Menschen ändert, soll das Unrecht vom Recht getrennt werden; im Interesse und im Wohl der nächsten Generation.


8. Das Trugbild im Spiegel

by Adam E. Yalçintaş

Eine Frau mittleren Alters lebt in einem Einfamilienhaus in einer Stadt. Sie wacht jeden Tag auf, macht sich fertig und geht zur Arbeit. Das Besondere an ihrer Einrichtung und ihrem täglichen Ritual ist, dass sie unmittelbar nach dem Aufstehen zu einem großen Spiegel, der sich in der Mitte ihres Schlafzimmers befindet, läuft und einen Blick darauf wirft. Der Spiegel zeigt allerdings nicht, wie es eigentlich bei einem Spiegel üblich ist, das Spiegelbild der Frau, sondern die verschiedensten Bilder. An einem Tag sieht sie ein Ungeheuer und gerät in Panik. An einem anderen Tag sieht sie sich mit zerlumpten Kleidern bettelnd auf der Straße und empfindet Angst sowie Erniedrigung. Und wiederum an einem anderen Tag sieht sie, wie sie ein Kind schlägt und fühlt Scham. In ihrer Welt gibt es lediglich zwei Dimensionen, die der Realität und die der Spiegelwelt.
Diese Frau repräsentiert alle Menschen. Die zwei Dimensionen stellen unser Leben und unsere Gedanken dar. Der Spiegel ist die Verkörperung der Gedanken und ihr Medium. Das Schlafzimmer symbolisiert unser Bewusstsein. Da wir unser Bewusstsein, unsere Gedanken nicht in Ketten legen können, sind wir mit den unterschiedlichsten Gedanken tagtäglich konfrontiert. Einige dieser Gedanken sind wohlwollender Art, andere geprägt von Angst, Scham oder Erbitterung; wiederum andere lassen das Gefühl der Erniedrigung aufkommen. Sie sind in einer gewissen Hinsicht unkontrollierbar. Aber es darf nicht vergessen werden, dass sie am Ende des Tages nur Gedanken sind. Sie sind lediglich Trugbilder in dem Spiegel. Sie haben keine Außenwirkung. Das Ungeheuer ist nicht echt und kann einen damit nicht verletzen. In Anbetracht dessen machen negative Gedanken uns nicht zu schlechten Menschen, solange der Wille, der den Schlüssel für das Tor zur Realität in der Hand hält, nicht nachgibt. Wenn ihnen jedoch zu viel Aufmerksamkeit gegeben wird, besteht die Gefahr, dass man sich in der Spiegeldimension verliert. 
Aus diesem Grund werden Gedanken weder vom Strafrecht noch von der Religion bestraft.

7. Der Wal im Pool

by Adam E. Yalçintaş

In Gedanken versunken, befand ich mich plötzlich im Garten eines monströsen Anwesens. Da bemerkte ich einen Swimmingpool von der Ferne aus, der augenscheinlich die Maße eines gewöhnlichen Pools sprengte. Irgendetwas schien sich, in dem Pool zu befinden. Das weckte mein Interesse. Deshalb lief ich auf den Pool zu. Je näher ich dem Pool kam, desto mehr begriff ich, dass es es sich um ein größeres Wesen handeln muss. Als ich am Rand des Pools letztlich stand, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass dieses Wesen aus der Ferne ein Wal war. Dieser Wal konnte sich in dem exorbitanten Pool geradeso bewegen. Ich setzte mich hin und betrachtete dieses Tier in dem Pool. In mir sträubte sich die Frage, weshalb der Wal in diesem Pool war; wer ihn dort platziert hatte. Für jedermann erkennbar, gehörte ein Wal nicht in einen Pool, sondern in die weiten Ewigkeiten des Ozeans. Es konnte nicht sein, dass sein Wesen und sein Potenzial in diesem – im Verhältnis zum Ozean– winzigen Pool verkümmert. Daraufhin wendete ich meinen Blick vom Wal zum Menschen und erkannte die Ähnlichkeit. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er reflektiert unzählige Eigenschaften des Schöpfers. Er besitzt ein Potenzial, das hier nicht ausgeschöpft werden kann. Er wird von den Räumlichkeiten des Jetzt eingeengt und wartet regelrecht auf seine Befreiung, auf den ersten Atemzug in seiner Freiheit. Wie kann denn in Anbetracht dessen ernsthaft behauptet werden, dass für den Menschen diese Welt die letzte Station ist?

6. Der "wahre" Islam

by Adam E. Yalçintaş

Vor kurzer Zeit behandelte der Bundesgerichtshof (vom 9. März 2023, Az.: 3 StR 246/22) einen Fall, der einen fassungslos machte und in den Medien sehr virulent war. Eine deutsche Frau konvertierte zum Islam und entschied sich, der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beizutreten. Dazu reiste sie nach Syrien und heiratete dort einen islamistischen Soldaten der Terrormiliz IS. Sie hielten ein fünfjähriges yezidisches Mädchen als Haussklavin. Diese wurde seitens des Mannes geknechtet, verprügelt und auf verschiedenste Arten gepeinigt. Die Frau aus Deutschland schlug das Mädchen zwar nicht selbst, aber benutzte ihren Mann, um das Mädchen zu „bestrafen“. An einem Mittag, an dem die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte und die Temperatur im Schatten die Marke von 50 Grad überschritt, wurde das Mädchen vom Ehemann der Frau an einen Gegenstand in der prallen Sonne gefesselt. Das war nach ihrer Ansicht die Strafe dafür, dass das Mädchen sich auf einer Matratze eingenässt hatte. Sie repräsentierten ihres Erachtens den Islam in seiner vollen Blüte.
Das ist zwar ein extremes Beispiel, zeigt aber in anschaulicher Weise ein grundlegendes Dilemma in der westlichen Welt. Auf der einen Seite leben in Deutschland unzählige Muslime, die einen friedvollen Islam predigen. Sie treten für Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Friedfertigkeit ein. Auf der anderen Seite schreien einige Menschen einen Namen des Schöpfers heraus und sprengen sich in die Luft oder begehen andere unaussprechbare Gräueltaten. Es ist richtig, dass die letzte Gruppe eine gewaltige Minderheit innerhalb des Islams darstellt. Allerdings gewinnen sie dadurch erheblich an Gewicht, dass ihre Taten die menschliche Moral und die Grenzen des Ertragbaren bei weitem übersteigen. Konfrontiert mit dieser Lage, sieht sich die Mehrheit der Muslime in Erklärungsnot. Das ist auch gerechtfertigt. Denn wenn in den Raum gestellt wird, dass dies nicht der „wahre“ Islam ist, kann der nicht-muslimischer Mitbürger nicht nachvollziehen, wie diese Ambivalenz zustande kommt.
Der Erläuterungsversuch soll hier als Ausgangspunkt an eine Anekdote des Propheten Muhammed (Friede sei mit ihm) ansetzen. An einem Tag verrichtete der Prophet sein Gebet. Als Vorwissen ist an dieser Stelle notwendig, dass für das Gebet (im Sinne des fünfmaligen obligatorischen sowie fakultativen Gebetes) eine Waschung (Hände, Mund, Nase, Gesicht, Ohren, Arme sowie Füße) erforderlich ist. Als der Prophet mit seiner Stirn den Boden berührte, traf er unbemerkt einen kleine Stein und seine Stirn fing an, leicht zu bluten. Als seine Frau Aysa dies bemerkte, nahm sie einen Stoff und versuchte, die betroffene Stelle mit dem Stoff wegzuwischen. Kurz darauf brach der Prophet sein Gebet ab und erneuerte seine Waschung. Als seine Frau Aysa ihn fragte, weshalb er sein Gebet abbrach, antwortete er nicht. Fraglich war, ob er die Waschung erneut vornahm, weil ihn seine Frau Aysa berührte oder er an seiner Stirn blutete. Als die Gefährten des Propheten dies erfuhren, sprachen sie ihn darauf an. Der Prophet schwieg wieder. Diese Frage wurde daher bewusst offengelassen und der Auslegung überlassen. Einige Gelehrte vertraten angesichts dessen diesbezüglich verschiedene Ansichten. Dies war vorliegend zulässig. Genauso wie es bei diesem Ereignis der Fall war, gibt es im Islam hinsichtlich bestimmter Punkte andere Auffassungen. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer periphere Aspekte betroffen sind. Das bedeutet, dass beim grundlegenden Verständnis und bei den elementaren Regeln des Islams kein Raum für eine Auslegung besteht. Das gilt etwa für das tägliche fünfmalige Gebet. Dazu gehört ebenfalls der Schutz von Leib und Leben der Menschen. Niemandem ist es erlaubt, ohne triftigen Grund (beispielsweise dafür wäre die Notwehr) einen anderen Menschen zu verletzen. Die Terroristen berufen sich demnach auf einen Bereich, der nicht zum Islam gehört. Es ist ein von diesen geschaffener, illusorischer Ort der Rechtfertigung. Sie können sich so oft, wie sie wollen auf den Islam stützen, hierdurch werden sie nicht zu Muslimen. Wenn ich mich als Mensch in eine Garage stelle und den Menschen zuschreie: „Ich bin ein Auto!!, werde ich ebenso wenig zu einem Auto, oder? Nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die Terroristen, die versuchen, andere Leute mit Jungfrauen anzuwerben, am Ende immer auf ihren eigenen Vorteil aus sind. Es ist ja leichter, Menschen in den Tod zu schicken, wenn man sie davor glauben gelassen hat, dass sie von bildhübschen Jungfrauen nach dem Akt des Terrors begrüßt und umarmt werden.
Der Koran bringt diesen Aspekt mit viel weniger Worten auf den Punkt:
„Wenn jemand einen Menschen tötet (der unschuldig ist), so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben schenkt, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben geschenkt“ (Koran 5:32).


5. Das Geheimnis im Fasten

by Adam E. Yalçintaş

Anlässlich des in den nächsten Tagen beginnenden Fastenmonats Ramadan soll versucht werden, den Hintergründen dieser spirituellen Handlung nachzugehen und ein Geheimnis dahinter zu verstehen. Das Fasten kommt nicht nur im religiösen Kontext vor, sondern tritt auch in anderen Lebensbereichen in Erscheinung wie etwa im Zusammenhang mit der Gesundheit (beispielhaft das Intervallfasten). Falls über die Bedeutung des Fastens – hier im Lichte des muslimischen Glaubens – ein paar Gedanken verschwendet werden, kommt als erster Erklärungsansatz der Gesichtspunkt des Zusammenhalts in den Sinn. Wenn jemand, dem unbegrenzte Möglichkeiten an Speisen und Getränken zur Verfügung stehen, fastet und damit dem äußerlichen Schein nach lediglich hungert, entsteht unweigerlich das Gefühl der Empathie. Die Situation der Menschen, die in Armut leben und tagtäglich Hunger und Durst leiden, kommt einem selbst nicht länger fremd vor. Sie wird zum Greifen nah. Infolgedessen lebt bei dieser Person, die nur im Ramadan dieses äußerliche Leid erfährt, das Verlangen zur Hilfe auf. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird dadurch geschlossen; zumindest wird die Diskrepanz kleiner. Das ist die Facette des Fastens, die die Gesellschaft schlechthin betrifft. Hinzu kommen aber noch andere Facetten, von denen eine auf das Individuum an sich gerichtet ist. Nach dem muslimischen Glauben besteht die menschliche Existenz größtenteils aus drei Elementen, die sich in gegenseitiger und wechselseitiger Hinsicht beeinflussen und verändern. Diese sind Seele, Körper und „Nefs“. Das Letztere kann mit dem inneren Schweinehund oder besser mit dem Ego übersetzt werden. Als der Schöpfer das Ego erschuf, fragte er ihn, was er über sich selbst und den Schöpfer denkt. Er antwortete: „Ene ene (ich bin ich), ente ente (du bist du)“. Kommt uns diese Antwort, wenn wir uns selbst betrachten, nicht etwas bekannt vor? Anschließend bestrafte der Schöpfer das Ego mit diversen Varianten. Die Frage und die Antwort blieben indessen immer gleich. Dann ließ der Schöpfer das Ego Hunger und Durst leiden und stellte erneut die Frage: „Men ene? Ve ma ente?“. Das Ego antwortete diesmal: „Ente Rabbiye’r-Rahim, ve ene abdüke’l-aciz“. Dem Sinn nach sagte das Ego: „Mein Schöpfer, du bist alles; du bist meine Hoffnung, mein Licht, meine Angst und mein Traum. Ich bin nichts; verloren ohne dich, ohne deine Barmherzigkeit, ohne deine Liebe, ohne deine Gunst“. Hunger und Durst waren die Schwäche, die in seiner DNA und in seinen Grundsteinen angelegt war. Das ist die Facette, die jedes Individuum betrifft. Aufgrund des Fastens werden das Verlangen nach Essen sowie Trinken und körperliche Gelüste zurückgestellt. Die Dominanz von Körper und Ego nehmen rapide ab und die Seele wird beflügelt. Das ist ein tiefergehender Grund für das Fasten.


4. Die heimtückische Verblendung 

by Adam E. Yalçintaş

Beginnen möchte ich den Beitrag mit einem Zitat aus dem Buch Krieg und Frieden von Tolstoi, es heißt dort: "Wen Gott verderben will, den verblendet er". Jeder von uns, gleichgültig ob gläubig oder nicht gläubig, kennt die Zeit, zu der er im Vergleich zum Jetzt – jedenfalls aus seiner Sicht – tugendhafter war. Ohne es überhaupt zu merken, geschweige denn es bewusst wahrzunehmen, sind unsere tugendhaften Eigenschaften, sei es in qualitativer (also die Eigenschaft ganz zu verlieren) oder in quantitativer (also die Eigenschaft an sich ist noch da, aber sie ist in geringerer Intensität vorhanden), wie Blätter, denen sich die Bäume im Herbst entledigen, abgefallen. Es war ein schleichender Prozess, der über uns herfiel. Mit der Verblendung kam das Verderben, wenn dies uns auch nicht augenscheinlich erscheinen mag.  Das Tückische an der Verblendung ist, dass sie erst einem auffällt, wenn man aus eigenem Antrieb oder durch die Hilfe anderer sich aus ihrem Schatten entfernen kann. Das bedeutet, dass wir zuvorderst uns wachrütteln und unseren Prozess vor Augen halten müssen. Erst wenn wir uns aus dieser Art Trance befreien können, können wir anderen unsere Hand reichen. Jemand, der nur für sich sowie seine Familie lebt und das Wohl aller aus den Augen verloren hat, verkörpert den größten Grad der Verblendung.

3. Minimalismus: Quelle der Glückseligkeit?

by Adam E. Yalçintaş

Wir leben in einer Welt, in der das Konsumieren überhandgenommen hat. Die Industrien geben Milliarden von Euros für Werbungen aus, um die Konsumenten zu verführen und sie zum Kaufen zu verleihen. Die Kaufentscheidung wird oft aus Komfortgründen oder gesellschaftlichem Druck umgesetzt. Somit „kaufen wir von dem Geld, das wir nicht haben, Dinge die wir nicht brauchen, um Leute zu imponieren, die wir nicht mögen“ (Film Fight Club). Darüber hinaus kostet jedes einzelne Besitztum nicht nur Geld, sondern auch Zeit – kostbare Zeit, die wir oft nicht haben. Denn um sich das alles leisten zu können, muss man viel Geld verdienen, indem man viel arbeitet. Dies ist auch oft der Grund, wieso die moderne Gesellschaft trotz entwickelnder Technologien, weniger Zeit hat. Eine Waschmaschine, ein Trockner oder ein Roboterstaubsauger, die unser Leben erleichtern, gab es zwar damals nicht. Nichtsdestotrotz hat die heutige Generation nicht viel mehr Zeit als die ältere. Auch nach dem Kauf beansprucht jeder einzelne Gegenstand unsere kostbare Zeit. Man muss all diese Dinge hegen sowie pflegen und ihnen demnach Aufmerksamkeit schenken. Somit besitzen diese Gegenstände vielmehr uns. Laut einer Statistik besitzt ein Europäer rund 10.000 Dinge. Ganz schön viel, nicht wahr? 
 
Nun stellt sich die Frage, ob der Mensch tatsächlich so viele Gegenstände braucht und an diesem Punkt taucht ein neuer Trend auf, die immer mehr Anhänger gewann: 
Der Minimalismus.
Im Kern dieser Bewegung, geht es darum, den eigenen Besitz nur auf das Nötigste zu beschränken. Dazu gehören auch die Gegenstände, die einem Freude bereiten. Sie ist eine Art Gegenbewegung zu der heutigen Konsumwelt. Immer mehr Menschen fangen an, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen und sehen ihre Besitztümer als Ballast und Ablenkung. Denn wer weniger besitzt, muss sich auch um weniger Dinge sorgen. Der Grundgedanke dabei ist, dass Konsum und Materielles nicht glücklich machen. Vielmehr sind es die kleinen, aber besonderen Momente, die einen glücklich machen, wie etwa Zeit mit der Familie zu verbringen, einen Ausflug zu unternehmen oder auf Reisen zu gehen. Sie wollen ein einfaches Leben und sich dabei nur auf das Wesentliche konzentrieren. Infolgedessen sind sie der Ansicht, dass man sich auf die wichtigen Dinge im Leben nicht fokussieren kann, solange es zu viele Außenreize gibt. Selbst die weltbekannte Unternehmerin Kim Kardashian lebt in einer minimalistisch eingerichteten Villa und erklärt in einem Interview ihr Beweggrund dafür: „Ich finde, dass es draußen in der Welt so viel Chaos gibt, dass wenn ich nach Hause komme, möchte dass alles sich beruhigend anfühlt.“ Aber auch der international bekannte Konzern Apple greift auf ein minimalistisches Design. Der Designer von Apple Ive erklärte den Grund für sein schlichtes Design folgendermaßen: „Einfachheit ist nicht nur ein visueller Stil. Sie bedeutet nicht einfach nur Minimalismus oder dass etwas nicht überladen ist. Einfachheit heißt, sich durch die Tiefen der Komplexität hindurchzuarbeiten. […] Man muss das Wesen eines Produkts ganz und gar verstehen, damit man in der Lage ist, die nicht wesentlichen Teile loszuwerden.“ Viele Minimalisten sind der Ansicht, dass zu viele Außenreize, zu viel Werbung, zu viele Gegenstände und zu viel „Schnick-Schnack“ einen sehr schnell erschöpfen können. 
 
Der Minimalismus wird immer populärer, doch ist er wirklich ein neuer Trend?
Selbst der griechischer Philosoph Sokrates sagte einmal „Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.“ Der deutsche Dichter Friedrich Schiller äußerte sich über dieses Thema folgendermaßen: „Einfachheit ist das Resultat der Reife“ und der italienische Maler Leonardo da Vinci sagte Folgendes aus: „Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung.“  In Krieg und Frieden von Tolstoi heißt es: „Die Quelle der Glückseligkeit befindet sich nicht außer uns, sondern in uns“. Schauen wir noch weiter zurück, in die Zeit des Propheten Mohammed (Friede sei mit Ihm), erkennen wir, dass die Idee des Minimalismus eigentlich schon bereits im Islam präsent war. Bereits der Prophet Mohammed sagte in einem seiner Hadithe, dass das einfache Leben zum Glauben gehöre. Er führte stets ein einfaches und bescheidenes Leben. Als der Erzengel Gabriel einmal zu ihm kam, fragte er ihn im Auftrag des Schöpfers, was für eine Art von Prophet er sein möchte: ein König oder ein Diener? Er entschied sich, ohne eine Sekunde zu zögern, für die Dienerschaft. Denn er wusste, dass Habseligkeiten vom eigentlichen Glück ablenken. Er begnügte sich mit den notwendigsten Dingen und forderte die Menschen auf, nicht verschwenderisch zu leben.

Schlussendlich lässt sich feststellen, dass die Menschen, egal in welcher Zeit sie leben, egal welchen sozialen Status sie haben und egal welcher Religion sie angehören, innerliche Ruhe und Klarheit wünschen und dies kann in erster Linie nur mit einem einfachen Leben einhergehen. Sie sind der Ansicht, dass weniger oft mehr ist. Bist du es auch? 


2. Wie steht der Islam zum Christentum?

by Adam E. Yalçintaş

Nahezu jeder hat die Reihe Harry Potter gesehen. Für diejenigen, die sich diese Film-Reihe nicht angeschaut haben, kann gesagt werden, dass diese Reihe aus insgesamt acht Teilen besteht. Wie bei fast allen Film-Reihen knüpft der später erschienene Film an die vorherigen an. Sie stellen also eine Fortsetzungsreihe dar, die mit dem letzten Teil ihre Vervollkommnung erreicht. Dabei kann die Fortsetzung die bislang erzählte Geschichte verändern, ergänzen oder modifizieren. Aber was entscheidend ist, dass der vorgelegte Rahmen nicht durchbrochen wird. Wenn die Fortsetzung die im ersten Teil aufgestellten Gesetze oder die tatsächlich zugrunde liegende Logik verlässt, was tatsächlich möglich ist, erweckt dies beim Zuschauer Unverständnis sowie Erbitterung. Salopp gesprochen, gefällt ihnen der Film in seiner Gesamtheit nicht länger.
Dieser Grundgedanke kann auf das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Christentum übertragen werden. Nach dem islamischen Verständnis stellt der Islam die Fortsetzung sowie Modifizierung des Christentums dar. Während das Christentum über den Propheten Jesus an ein bestimmtes Volk gerichtet war, war der Islam über den Propheten Muhammed an alle Menschen gerichtet. Es ist derselbe Schöpfer hinter beiden Religionen. Aus diesem Grund glauben Muslime und Christen an denselben Schöpfer. Es ist der gemeinsame Ausgangspunkt. Gleiches gilt für das Judentum.
Zur Verdeutlichung kann ein weiteres plastisches Beispiel dienen:
Jeder Prophet hatte die Aufgabe, einen Ziegelstein zu platzieren. Begonnen hat der Prophet Adam. Er setzte den ersten Stein auf den Boden. Im Laufe der Zeit wurde durch die verschiedenen Propheten (Abraham, Noah, Moses, Jesus etc.) weitere Steine gesetzt. Den letzten Stein fügte der Prophet Muhammed (Friede sei mit allen Propheten) ein. Dadurch erst war das Haus, worauf alle Propheten hingearbeitet haben, vervollständigt. Die Vervollkommnung gebührte demnach dem Prophet Muhammed. 

1. Die Verflechtung zwischen Religion und Kultur

by Adam E. Yalçintaş

Die Kultur ist dadurch gekennzeichnet, dass über einen langen Zeitraum bestimmte Verhaltensweisen, Praktiken, Gedankenstrukturen sowie Herangehensweisen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Im Zuge dessen bilden sich Gepflogenheiten und verfestigen sich. Sie ist jedoch nur zum Teil statisch. Unweigerlich kann es dazu kommen, dass bestimmte Elemente entfernt, ausgetauscht oder hinzugefügt werden. Sie ist geprägt von einer menschlichen Note.
Anders sieht es mit der Religion aus. Sie beansprucht für sich, die menschlichen Verhältnisse  und Beziehungen in einem übergeordneten Sinn zu regeln. Es sind Regeln und Ge- sowie Verbote, die der Schöpfer festgelegt und über Propheten den Menschen mitgeteilt hat. 
Betrachtet man die Geschichte mit einer Lupe, erkennt man, dass am Anfang die Religion existent war. Nach allen drei Weltreligionen begann die Geschichte des Menschen mit der von Adam und Eva. Sie bekamen vom Schöpfer ein Grundgerüst an Regeln, die das Fundament ihrer menschlichen Interaktionen bilden sollten. Mit der Zeit vermehrten sich die Menschen. Neben die Religion trat die Kultur. Dem stand die Religion auch nicht entgegen oder war von dieser etwa verpönt. Vielmehr konnte in dem Rahmen, den die Religion gezeichnet hatte, die Kultur gedeihen. Damit wird zugleich aber auch das Verhältnis dieser beiden Größen klar. Solange und soweit die Kultur nicht gegen die Religion verstößt oder ihrer Ausübung im Wege steht, kann sie nach Belieben einen eigenen Rahmen setzen. Sich dieser Tatsache bewusst zu werden, ist der erste Schritt. Sprichwörtlich wird das Kind beim Namen genannt. Die Theorie ist jedoch – wie immer – viel einfacher als die Realität. Denn schaut man sich die Praxis an, ist das Verhältnis und die Abgrenzung vielfach schwieriger. Exemplarisch kann dies am Beispiel des Kopftuchs illustriert werden. Wenn alle Frauen, die ein Kopftuch tragen, gefragt werden würden, weshalb sie es tragen, würden zahlreiche Frauen die Frage mit der Antwort erwidern, dass "bei ihnen" die Frauen ab einem bestimmten Alter oder mit der Heirat ein Kopftuch tragen. Dieses Begriffspaar "bei ihnen" bzw. "bei uns" bedeutet nichts anderes als die Kultur. Religion und Kultur vermischen sich an dieser Stelle und es entsteht eine "kulturbedingte Religiosität". Da diese Menschen die Bedeutung dieser dargestellten religiösen Handlung nicht verstehen und es erheblich leichter ist, sich von menschlich gesetzten Gepflogenheiten abzuweichen, entstehen zwei gravierende Probleme mit Blick auf das gesellschaftliche Zusammenleben. 

Erstens entsteht bei unseren Mitbürgern, die nicht den gleichen Glauben teilen, das Gefühl  der Sinnlosigkeit sowie der Verzichtbarkeit des Kopftuchs. Der aufgrund der Kultur übernommenen Verhaltensweise ist immanent, dass sie in der Regel ohne jegliches kritisches Hinterfragen kopiert werden. Eine Begründung wird nicht gesucht. Es wird so gemacht, weil alle anderen es auch so machen. Das Problem daran ist, dass wir in Deutschland in einer pluralistischen Gesellschaft leben und bestimmte Werte vertreten. Dazu gehört vor allem, sich mit Handlungsweisen und Gedanken kritisch auseinanderzusetzen. Wenn diese Menschen nun mit der Bedeutung ihres Handelns konfrontiert werden, kann regelmäßig keine hinlängliche Erklärung gegeben werden. Hervorgerufen wird eine Art der Missgunst.  Wenn jemand nun die Frage aufwirft, weshalb denn überhaupt eine Rechtfertigung notwendig ist, hat die Situation in Deutschland nicht verstanden. Religiöse Praktiken, die von der eigenen abweichen, werden zunächst stets als Fremdkörper angesehen. Zum Zwecke des gegenseitigen Verständnisses und des Abbaus von Vorurteilen sind die Muslime daher im Zugzwang. 
Mit Letzterem steht der zweite Aspekt in engem Zusammenhang. Durch die kulturbedingte Religiosität wird den muslimischen Menschen geschadet, insbesondere den Frauen, die sich bewusst und der Hintergründe des Kopftuchs wissend für das Kopftuch entschieden haben. Die Missgunst kann denklogisch nicht ausschließlich gegen Menschen mit der beschriebenen Denkweise gerichtet sein, sondern alle Menschen mit dem muslimischen Glauben werden unweigerlich über einen Kamm geschert. 

Zweck dieses Beitrages ist es nicht, Menschen, die von der kulturbedingten Religiosität befallen sind, auszustoßen. Es soll vielmehr ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, was Früchte der Kultur und Früchte der Religion sind. Denn nur dadurch kann es gelingen, die Bedeutung jener Verhaltensweise, die vom Schöpfer vorgegeben wurde, zu verstehen und zu reflektieren. Nur das kann uns die Möglichkeit zu eröffnen, die Religion aus unserer Perspektive zu erläutern. All das ist als Plädoyer für Selbstaufklärung in der Religion zu verstehen.

Selbstredend ergibt sich für die Kultur eine weitere unumstößliche Schranke, nämlich das Recht. Die Kultur darf nicht gegen das geltende Recht verstoßen.